Melina Royer ist Creative Director, Autorin und zudem die Seele hinter Vanilla Mind, einem Magazin für Schüchterne und Introvertierte. Schon seit 2014 lese und liebe ich ihre Worte! Ganz besonders schätze ich Melinas herzliche, direkte Art, ihre persönlichen Erfahrungen und ihre fundierten Tipps. Als das verbindet sie auch in ihrem ersten Buch, das letztes Jahr rauskam: „Verstecken gilt nicht – wie man als Schüchterner die Welt erobert”.

 

Neben unserer Schüchternheit und Introversion verbinden uns u.a. Schwarz als Lieblingsfarbe, der Respekt vor dem Autofahren, die hübschen Sommersprossen und das Schreiben. Denn Melina sagt selbst, dass das Schreiben mittlerweile die meiste Zeit ihres Arbeitsalltags einnimmt. Natürlich habe ich da genauer nachgehakt und sie zu ihren Lieblingsthemen, Routinen, Blockaden und Gedanken befragt.

 

… denn für mich ist das Schreiben wirklich wie eine Therapie: Schreiben entlastet emotional, es löst Knoten im Kopf, stärkt die eigene Position und das Selbstvertrauen. Kurz: Es verbessert unser Leben.

Melina Royer

 

 


 

1. Liebe Melina, Schreiben für deine Selbstständigkeit vs. Journaling für dich persönlich: Wo siehst du Gemeinsamkeiten und Unterschiede?

Wenn ich für Vanilla Mind schreibe, ist die Intention eine andere. Dort geht es um die Leser und nicht um mich. Diesen Unterschied finde ich sehr wichtig, gerade für Blogger. Die Zeit, in der ein Blog wie ein öffentliches Tagebuch war, ist vorbei. Heute dreht sich alles um Inhalte, die einen Wert vermitteln sollen oder ein Problem lösen. In diesem Zusammenhang stellen sich ganz andere Fragen, wie zum Beispiel: „Welchen Nutzen möchte ich aufzeigen? Was haben meine Leser davon?“

 

Ich befinde mich gerade in der Abschlussphase zu meinem neuen Handbuch „Intuitives Netzwerken“ – ein Guide, der zurückhaltenden Menschen hilft, auf entspannte Art neue Kontakte zu knüpfen. Hier muss ich besonders viel Augenmerk auf die Klarheit meiner Aussagen legen, damit der Nutzen sofort erfasst werden kann.

 

Privat notiere ich mir meistens nur Stichworte und dort geht es natürlich um meine eigenen Bedürfnisse.

 

 

2. Wann greifst du zu Zettel und Stift bzw. wann lässt du deine Finger über die Tastatur tanzen?

Es lohnt sich gerade bei kreativen Tätigkeiten wie dem Schreiben herauszufinden, wann man am besten in einen Flow kommt: Vor einiger Zeit habe ich entdeckt, dass ich eine Eule bin und es meinem Biorhythmus entspricht, in den späten Stunden produktiver zu arbeiten. Als ich an meinem Manuskript für „Verstecken gilt nicht“ gearbeitet habe, habe ich verschiedene Tageszeiten zum Schreiben ausprobiert und erzielte in den späten Abendstunden die besten Ergebnisse. Es macht nicht nur einen Unterschied in meiner Produktivität, sondern auch in der Qualität meiner Arbeit. Meine Texte besitzen mehr Klarheit und Struktur, wenn ich sie nicht morgens mit zwei Espressi intus runtergetippt habe.

 

 

3. Hast du bestimmte Routinen für dein Journaling?

Für Menschen mit wenig Zeit kann ich das 6-Minuten-Tagebuch sehr empfehlen. Das klassische Tagebuch mochte ich noch nie, das war mir zu aufwändig. Im 6-Minuten-Tagebuch sind die Fragen jeden Morgen und jeden Abend dieselben und sie kosten mich jeweils nur 2-3 Minuten. Die Routine gibt mir das Buch also vor, das finde ich hilfreich.

 

Zusätzlich notiere ich mir Vieles in der Notizen-App vom iPhone. Gerade beim Kochen oder anderen Hausarbeiten fallen mir immer wieder Gedankenfetzen ein, die ich festhalten muss, damit sie mir nicht entwischen. Aus solchen Impulsen kann später ein neuer Artikel für Vanilla Mind entstehen.

 

 

4. Kommt es vor, dass du eine Schreibblockade hast? Wenn ja, was machst du dann?

Sogar häufig! Ich stelle oft fest, wie schlecht sich kreative Arbeit aus dem Ärmel schütteln lässt. Anfangs hatte ich regelmäßig Schuldgefühle, wenn ich wusste, dass ich etwas schaffen muss – und stattdessen Pause gemacht habe. So funktioniert der kreative Prozess nicht und schon gar nicht mit Gewalt. Sich selbst die Erlaubnis zu geben, für eine Stunde nur zu tun, worauf man Lust hat, wirkt hingegen Wunder: Am Ende bin ich mit einer Pause produktiver als wenn ich versuche, durchzuarbeiten. Was mir bei Blockaden besonders hilft sind Spaziergänge, eine kurze Pilates-Session und Power Naps.

 

 

5. Welche Themen tauchen sowohl in deinen beruflichen als auch in deinen persönlichen Texten immer wieder auf?

Persönlichkeitsentwicklung ist ein zentrales Thema für mich, das sich wie ein roter Faden durch Vanilla Mind zieht – und durch meinen eigenen Alltag.

 

Ich finde übrigens, dass Persönlichkeitsentwicklung und Selbstoptimierung viel zu häufig in einen Topf geworfen werden. Es sind aber keine Synonyme. Ich bin kein Freund von Selbstoptimierung, das klingt immer so verbissen und nach selbst erzeugtem Leistungsdruck. „Werde die beste Version von dir selbst“ klingt im ersten Moment toll und im zweiten ziemlich stressig.

 

Persönlichkeitsentwicklung hingegen interessiert mich sehr: Ich lerne sehr gerne, besonders über Menschen und mein eigenes Verhalten. Früher hatte ich keinen besonders guten Kontakt zu mir selbst und verstand meine eigenen Gefühle überhaupt nicht. Seit ich versuche, mehr über mich selbst zu lernen, fällt es mir leichter, Beziehungen aufzubauen.

 

 

 

6. Welche Wirkung hat das Schreiben deiner Business-Texte (beispielsweise Instagram und Website) auf deine Persönlichkeit?

Eine interessante Frage, darüber musste ich nachdenken. Es hilft meinem Ausdrucksvermögen, mich immer wieder selbst dazu anzutreiben, auf den Punkt zu formulieren. Ich konnte in Alltagsgesprächen beobachten, dass mir mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, wenn ich mich klar und präzise ausdrücke. Ich neige dazu, in Gesprächen schnell in die Defensive zu gehen und meine Meinung zu relativieren. Auch fiel es mir früher schwer zu erklären, was ich beruflich mache und welchen Wert ich biete. Das Schreiben hilft mir dabei, meine Position durch Argumente zu untermauern und für mich einzustehen.

 

 

7. Und wie ist es andersherum: Welche Wirkung hat das Journaling auf deine Selbstständigkeit?

Ich kann mich wesentlich besser konzentrieren, nachdem ich Gedankenfetzen erst einmal ausformuliert und niedergeschrieben habe. Wenn keine losen Enden mehr in meinem Kopf herumschwirren, habe ich natürlich wesentlich mehr Klarheit. Das bemerke ich, wenn ich mir am Ende des Tages meine Arbeit ansehe. Sie ist oft ein Spiegel meines Gemütszustandes.

 

 

8. Erinnerst du dich an eine Frage oder an ein Problem, das du mithilfe des Schreibens lösen konntest? Welche Erkenntnis hast du dank deiner schriftlichen Worte für dich gewinnen können?

Über Dinge, die mich beschäftigen, spreche ich meist zuerst mit meinem Mann Timon. Wir diskutieren gerne und ich gewinne daraus oft neue Artikel-Ideen. Das Schreiben hilft mir aber dabei, meine Gedanken zu einem Thema noch weiter zu ergründen und zu verarbeiten. Nicht immer erblickt ein solcher Artikel jedoch das Licht der Welt, vieles bleibt ewig ein Entwurf. Aber zumindest hilft mir der Schreibprozess in dem Moment selbst weiter.

 

 

 

9. Egal ob beruflich oder persönlich: Hast du eine Schreib-Übung, die du am liebsten anwendest?

Eine gute Schreibübung ist das Prinzip des „ersten miesen Entwurfs“. Die erste Version eines Textes darf durchaus also schlecht sein. Das beugt Perfektionismus vor und verschiebt den Fokus auf das Machen. Verbessern kann man später immer noch.

 

Gerade lese ich „Deutsch für Profis“ von Wolf Schneider, das mir Isabell Prophet empfohlen hat. Sie hat mich auf ein paar Angewohnheiten hingewiesen, die ich mir gerne abgewöhnen möchte und übe nun fleißig.

 

 

10. Magst du noch etwas mit uns teilen?

Es gibt mittlerweile Coaches, die Schreibtherapien anbieten. Und ich kann ihnen nur beipflichten, denn für mich ist das Schreiben wirklich wie eine Therapie: Schreiben entlastet emotional, es löst Knoten im Kopf, stärkt die eigene Position und das Selbstvertrauen. Kurz: Es verbessert unser Leben. Also ran an die Journals!

 

 


 

Liebe Melina, herzlichen Dank für deine Einblicke. Ich habe mich auch hier deinen Zeilen wiedergefunden und mache bei meinen Kunden in den Schreib-Mentorings und bei mir selbst immer wieder die Erfahrung, dass das Schreiben so viel mehr ist als eine alltägliche Aufgabe in der Selbstständigkeit. Ich stimme dir voll zu: Das Schreiben verbessert unser Leben!

 

 

Hast du dich nun auch in Melinas Worte verliebt? Dann lies gerne auf Vanilla Mind weiter oder folge Melina auf Instagram.

 

 

 

Schreiben für Persönlichkeit und Selbständigkeit: Interview mit Melina Royer

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